INVENTOUR REPORTAGE 2021
O.B.E.
Video von Sophie Stadler, Rebecca Fuxen

O.B.E. ist eine split-screen Video über die Kulturlandschaft Semmering: ein Erholungsgebiet in den österreichischen Bergen, an dem sich multiple Geschichtlichkeiten, nostalgische Verklärung und Fremdinvestment zu einer dicken Schicht verdichtet haben. Entstanden im Kontext der Ausstellung “Land, property and commons” 2021, führt der Film abseits der gewohnten Aussichten durch die Gegend: zu Ruinen, Parkplätzen, leeren Landstrichen und Wäldern, über Zäune und vor allem Hecken, die Privatgründe abgrenzen. Ausschließlich mit Handykameras gefilmt, entsteht ein intimer Bildausschnitt der an game settings erinnert. In O.B.E. nehmen sowohl die Künstlerinnen als auch das Publikum die Rolle von hedge witches ein, passieren die Grenzen zwischen “zivilisierten” Gärten und Wildnis, navigieren zwischen den Zeiten, hin und her, von einer Hecke zur nächsten. Entstanden im Rahmen der INVENTOUR REPORTAGEN, dem Kunstvermittlungsprojekt von Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich. Entstanden zu LAND, BESITZ UND COMMONS, einem Ausstellungsprojekt im öffentlichen Raum von Semmering.



„Ursprünglich wollten wir das Gebiet in einer Art Parallelbewegung zur Ausstellung erforschen und dokumentieren. Der Semmering sollte als ein vielschichtiges Gebiet erfasst werden, das Bezugspunkte zu verschiedenen Vergangenheiten aufweist, die alle präsent sind und sich überschneiden. Wir hatten die Idee, den Einhegungen - Hecken, Zäunen und Mauern - zu folgen, da sie die Funktion haben, Privatbesitz von Gemeingut zu trennen. Dies sollte mit Praktiken oder Zuständen des Dazwischenseins, mit Hausfriedensbruch und Hexerei in Verbindung gebracht werden, da letztere historisch mit der Schaffung von Privateigentum und Möglichkeiten des Widerstands dagegen verbunden ist. O.B.E.: Durch eine glückliche Fügung trafen wir beim Herumstreifen auf die Kinder, die im Film zu sehen sind und die uns bei ihren Erkundungen durch den Wald mitgehen ließen. Den Teenagern, die diese improvisierte Gesangsaufführung machten, als sie vom Sporthotel herunter kamen aufnehmen konnten, begegneten wir auch zufällig. Wir haben etwa drei Tage lang gefilmt, d. h. wir sind durch Wald und Ruinen gelaufen und haben mit Handys Aufnahmen gemacht, um den POV eine:r Videogame-Spielenden zu framen: Was uns an dieser Landschaft gereizt hat, ist auch, dass sie so künstlich ist und schon lange als Rückzugsgebiet bzw. Kurort konzipiert wurde. Sie wird bis heute noch auf diese Weise verhandelt. Der Ort ist eingebettet in eine Mischung aus Nostalgie- und Eskapismus-Vorstellungen, und wir waren daran interessiert, weder das eine noch das andere zu unterfüttern, weshalb wir uns dafür entschieden haben, die im Film zu sehenden Nicht-Orte aufzuspüren und damit die Bilder zurückzuhalten, die man wiedererkennen würde. Wir wollten keine abschließende Übersicht bieten. Aus diesem Grund gibt es auch vier parallele Bilder, die sich mehr oder weniger gleichzeitig abspielen, und keines davon ist eine Vogelperspektive oder gar eine Weitwinkelaufnahme. Der Titel O.B.E. bezieht sich auf out of body experience, außerkörperliche Erfahrungen. Der Titel ist auf verschiedene Weisen zu lesen, denn das, was zu sehen ist, wurde von der Art und Weise erzeugt, in der wir beide uns durch die Landschaft bewegt haben, durch das ein sehr intimer Bildausschnitt erfahrbar wird. Außerdem ist der Titel eine Anspielung auf die hedgewitch, eine Figur, der nachgesagt wird, dass sie in der Lage ist, in den Zwischenzonen zu verweilen, astral zu projizieren und Heilkräfte besitzt: sie verfügt über Wissen über Pflanzen und Kräuter und die Ökologie einer bestimmten Gegend. Die hedgewitch war für uns eine reizvolle Figur, da das Smartphone, mit dem wir den Ort gefilmt haben, uns in gewisser Weise von unseren Körpern getrennt hat: Die Welt wird durch den Bildschirm schien unwirklich, und dennoch konnten wir einen anderen Sinn für die Realität entwickeln. Der Film ist eine Reise an diese Orte, wo der Schleier sehr dünn ist, wo es möglich ist, von einer Zeit direkt in eine andere zu fallen, genau wie es in der Werbung für den Semmering-Tunnel heißt: "von der Vergangenheit in die Zukunft". Das ist die Erfahrung, die wir teilen wollen.“ (Rebecca Fuxen, Sophie Stadler)

Rebecca Fuxen studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim. Seit 2018 studiert sie den Master Critical Studies an der Akademie der Bildenden Künste Wien
Sophie Anna Stadler ist tätig als Künstlerin, Performerin und Autorin. Sie studierte Philosophie an der Universität Wien und schreibt zu Themen wie Trauma, queere Sexualität, befreiende Praxis und Magic.




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