© Steinbrener/Dempf & Huber
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steinbrener/dempf & huber


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CLIFFHANGER



Mit der Installation Cliffhanger inmitten des Naturparks Ötscher-Tormäuer hat das Künstlerkollektiv Steinbrener, Dempf & Huber erstmals ein Projekt in freier Landschaft abseits des städtischen Raumes realisiert. In schwindelerregender Höhe, die nur für Profikletterer zu erreichen wäre, ist ein leuchtend rotes gründerzeitliches Ladenlokal mit der Aufschrift „Tourist Information“ an einer Felswand direkt neben dem Mirafall montiert. Wie so oft bei den Arbeiten des Kollektivs ist auch hier das Spiel mit der Perspektive von besonderer Bedeutung: Die Installation taucht während der Wanderung entlang der steilen Gebirgswände auf schmalen und kurvigen Wegen beinahe wie eine Halluzination unerwartet auf und konterkariert so mit Ironie und Witz die romantische Naturerfahrung. Sie entlarvt die vermeintlich unberührte Natur als kultivierte Landschaft und deren Vermarktung als touristische Sehenswürdigkeit.
Die ersten Ideen zu dem Konzept der Arbeit hatten die drei Künstler Christoph Steinbrener, Rainer Dempf und Martin Huber bereits vor über einem Jahrzehnt. Sie standen damals im Kontext ihrer intensiven Auseinandersetzung mit der visuellen Überfrachtung des Stadtraumes durch kommerzielle Beschriftungen. In der Arbeit Cliffhanger übertragen sie dieselben Fragen nach Privatisierung und Ökonomisierung auf den ländlichen Raum. Die Fokussierung auf den Tourismus liegt dabei unter anderem in dessen Aktualität durch den Ausbruch der Covid-19-Pandemie zu Beginn des Jahres 2020 begründet. Durch den fast vollständigen Stillstand des weltweiten Reisens war die Tourismusbranche einer der am stärksten von den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie betroffenen Wirtschaftszweige. Neben der Abhängigkeit unzähliger Existenzen von der Branche sind auch die ökologischen Auswirkungen des Reisens quasi ex negativo – aufgrund der sinkenden CO2-Emissionen – deutlich geworden. Insbesondere der Massentourismus, der zumeist auch mit Fernreisen verbunden wird, ist in die Kritik geraten.
Die Installation Cliffhanger befindet sich auf einer beliebten Wanderroute in dem seit Jahrhunderten touristisch genutzten Naherholungs- und Naturschutzgebiet rund um den Berg Ötscher. Die Wahl des Ortes kann bereits als Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Reisetätigkeit gelesen werden. Erst wenn man selbst zum Reisenden, zum Wandernden geworden ist, kann man das Kunstwerk sehen, was gewissermaßen ein Gefühl des „Ertappt-worden-Seins“ erzeugt. Da die Region Mostviertel, die den Naturpark umfasst, noch nicht zu den massentouristischen Hotspots Österreichs zählt, kann die Arbeit Cliffhanger auch als eine Art Mahnmal für einen nachhaltigen Tourismus verstanden werden. Historisch hängt die Entwicklung des Massentourismus eng mit der Entstehung des Alpinismus und der Etablierung des Wanderns als Freizeitbeschäftigung im ausgehenden 18. Jahrhundert zusammen. In dieser Zeit wird auch das Bild von Natur und Landschaft geprägt, das in der westlichen Hemisphäre bis heute anhält: als ein Ort der Sehnsucht, der Zuflucht aus dem Alltag, abseits der Zivilisation. Das Absurde liegt darin, dass dieser nur scheinbare Ausbruch aus der alltäglichen Ökonomie immer auch die Wurzel einer neuen zivilisatorischen Maßnahme ist, nämlich der Entwicklung eines Urlaubsortes, der ebenfalls ökonomischen Zwängen unterliegt und einer eigenen Infrastruktur bedarf. Der Publizist Hans Magnus Enzensberger fasste dies 1958 in seinem Text Vergebliche Brandung der Ferne. Eine Theorie des Tourismus wie folgt zusammen: „Die Befreiung von der industriellen Welt hat sich selber als Industrie etabliert, die Reise aus der Warenwelt ist ihrerseits zur Ware geworden.“[1]
Auch Regionen wie das Mostviertel und der Naturpark Ötscher-Tormäuer sind Zeugnisse dieser dialektischen Entwicklung: Zur Erschließung des Gebiets und zur besseren Erreichbarkeit des Wallfahrtsortes Mariazell für Pilgerreisende wurde eine Bahnstrecke eingerichtet, die kurz nach ihrer Entstehung durch das extra geschaffene Wasserkraftwerk Wiederbruck elektrifiziert wurde. Heute ist sie für Wallfahrer*innen und Wander*innen gleichermaßen nützlich. Glaubens- und Naturerfahrungen abseits des eigenen Wohnorts hängen also unmittelbar mit infrastrukturellen und landschaftsgestalterischen Maßnahmen zusammen. Inwiefern sich insbesondere das Verhältnis von Mensch und Wasser als ambivalent darstellt, ist Thema der Videosequenzen von Sylvia Eckermann und Gerald Nestler, welche die Arbeit Cliffhanger entlang des Wanderweges als filmische Intervention auf dem eigenen Smartphone begleiten.
Steinbrener, Dempf & Huber reagieren mit dem Werk Cliffhanger mit einem ironisch-kritischen Kommentar auf das aktuelle Zeitgeschehen. Sich selbst mit einbeziehend, fordern sie zur Reflexion des eigenen Handelns, der eigenen Reisetätigkeit auf, ohne jedoch den Zeigefinger zu erheben – zumal sie mit der Arbeit selbst einen weiteren Anlass zum Reisen geschaffen haben, nämlich den der Kunsterfahrung. Das Kunstwerk wird also selbst zur Sehenswürdigkeit, wenn es auf den zahlreichen Panoramafotos, die sicher hauptsächlich dem Mirafall gelten, festgehalten wird.
(Marijke Lukowicz)

[1] Hans Magnus Enzensberger, Vergebliche Brandung der Ferne. Eine Theorie des Tourismus, in: Merkur, August 1958, 12. Jahrgang, Heft 126, S. 701–720 (hier S. 713).

Laufzeit der Installation: bis September 2021

Informationen zum Naturpark Ötscher und der Wanderstrecke

Mostviertel Tourismus




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