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Skulpturen im Außenraum des KinderKunstLabors

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Christine & Irene Hohenbüchler, Co:CO, St. Pölten, 2024
© Bildrecht, Wien 2024, Foto: eSeL
Andrea Maurer, Buchstabentheater, KinderKunstLabor, 2024
© Simon Veres
Andrea Maurer, Buchstabentheater, KinderKunstLabor, 2024
© Simon Veres
Andrea Maurer, Buchstabentheater, KinderKunstLabor, 2024
© Simon Veres
Christine & Irene Hohenbüchler, Co:CO, St. Pölten, 2024
© Bildrecht, Wien 2024, Foto: eSeL
Christine & Irene Hohenbüchler, Co:CO, St. Pölten, 2024
© Bildrecht, Wien 2024, Foto: eSeL
St. Pölten, Sep 2024
KinderKunstLabor

Information

CO:CO … Co-Kreieren

Im Altoonapark in St. Pölten wächst vor dem KinderKunstLabor für zeitgenössische Kunst[1] eine über 15 Meter hohe Linde. Durch ihre weit ausladende Baumkrone schimmert seit 2024 am Parkweg zum Kulturbezirk ein leuchtendes Gelb. Es stammt von einem fast viereinhalb Meter hohen kegelförmigen Turm, dessen sich himmelwärts verjüngende Spitze mit einer kleinen Fahne abschließt. Tiefer im Park verteilen sich vier weitere Turmobjekte, alle gleichermaßen aus horizontalen Metallbändern und vertikalen Verstrebungen geformt, darunter ein zweiter hoher Turm mit Fahne. Die drei niedrigeren Turmbauten haben die Gestalt von Kegelstümpfen mit einer Höhe von zirka 110 Zentimetern und sind oben offen. Diese leuchtenden Metallkörper gruppieren sich um ein sieben Meter langes Gewölbe. Es hat sieben hochgezogene Ein- und Durchgänge sowie fünf runde Fenster. Im Regen glänzt die Außenhaut dieses großen Hohlraums aus gespritztem Beton dunkel, in der Sonne erscheint sie in einem matten hellen Grau. Dieser Bau bildet das Zentrum des skulpturalen Ensembles CO:CO von Christine und Irene Hohenbüchler.

„Es ist ein Zelt, eine Höhle, ein Unterschlupf, da kann man sitzen und sich ausruhen, vielleicht auch verstecken“, beschreiben Kinder aus den Kinderbeiratsgruppen[2] vom KinderKunstLabor die organische Form der Grotte. Ohne Ecken und rechte Winkel kauert die Betonskulptur mit gekrümmtem Rücken zwischen Büschen und anderen Bäumen im Park. „Das sieht aus wie ein Dinosaurierknochen oder eine Mammutbaumwurzel, wie Überreste aus der Steinzeit, es könnte auch ein Mammutrüssel sein“, teilen andere Kinder ihre Faszination. Die gelb glänzenden metallenen Turmbauten hingegen könnten aus der Zukunft kommen, auf einem Schiff stehen, am Strand leuchten oder sogar von einem anderen Planeten Signale empfangen. Hier im Altoonapark senden Christine und Irene Hohenbüchler mit CO:CO ein wichtiges Signal, indem sie ihrem Ensemble gerade keine Funktionen zuordnen. CO:CO bleibt mehrdeutig und rätselhaft.

Die gespannten transparenten Grundformen der Metallkörper lenken den Blick auf das Gebäude des KinderKunstLabors mit seiner markanten lamellierten Lärchenholzfassade. Das Außengelände ist integraler Bestandteil des Gesamtkonzeptes des Ausstellungshauses und als Skulpturenpark konzipiert, gleitende Übergänge zwischen drinnen und draußen ermöglichend. Für diesen Bereich entwickelten Christine und Irene Hohenbüchler CO:CO[3] in einem über ein Jahr andauernden co-kreativen Dialog mit den Kindern der Mitgestaltungsgremien[4] – ein Werkensemble, das die Wünsche der Kinder erfüllt, neue Wahrnehmungen anregt und ungewohnte Perspektiven in höchster künstlerischer Qualität schafft. Sich in das Ökosystem des Parks einfügend, ist CO:CO gleichzeitig begeh-, erkletter- und begreifbar; die Formensprache und die Verwendung unterschiedlicher Materialien ergibt eine außergewöhnliche, vielfältige und heterogene Inszenierung.

Gemeinsam mit Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich gelang es 2022, einen mehrmonatigen, vielstimmigen und komplexen Auswahlprozess im Kunstfeld für Kinder durchzuführen. CO:CO, der Entwurf von Christine und Irene Hohenbüchler, überzeugte die Jury, in der auch sechs Kinder vertreten waren. Der damals elfjährige Arin Berk, Mitgestalter der Kunstideenwerkstatt[5] und Jurymitglied, schlug angesichts des Modells von Christine und Irene Hohenbüchler spontan CO:CO als Titel vor. Die Künstlerinnen zögerten keine Sekunde, diesen Titel für ihr Werk zu übernehmen. Christine und Irene Hohenbüchler besuchten die Kinderbeiratsgruppen der Sportmittelschule und des Ratzersdorfer Kindergartens für Workshops. Umgekehrt konnten die Kinder der Kunstideenwerkstatt das Atelier von Christine und Irene Hohenbüchler besuchen.

Die Zwillingsschwestern Christine und Irene Hohenbüchler sind seit 1990 als Künstlerinnenpaar tätig. In Bildhauerei und Malerei ausgebildet, arbeiten sie mit bildungssystemfernen und marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen zusammen und machen sie und ihre Themen durch Installationen, Skulpturen, Malerei und digitale Kunst sichtbar. Grundlage ihrer gemeinsamen Arbeiten ist eine, wie sie es nennen, „multiple Autorschaft“. Im Verlauf ihrer individuellen künstlerischen Entwicklung haben sich die beiden Schwestern auch immer ergänzt. Von 1984 bis 1989 studierten sie an der Universität für angewandte Kunst Wien: Christine Bildhauerei, Irene Malerei. Nach dem Diplom folgte ein postgradualer Studiengang an der Jan van Eyck Akademie in Maastricht, Niederlande. Von 2002 bis 2005 war Irene Gastprofessorin an der Akademie der bildenden Künste Wien, aktuell ist sie Professorin für Kooperative Strategien an der Kunstakademie Münster. Ihre Schwester Christine ist seit 2002 Professorin für Zeichnen und Visuelle Sprachen am Institut für Kunst und Gestaltung an der Fakultät für Architektur und Raumplanung an der TU Wien.

Der Löwe, Wittgenstein und das Skalpell
Mit einem Satz von Ludwig Wittgenstein über einen Löwen[6] kam Andrea Maurer im Sommer 2022 in die 4B der Otto-Glöckel-Volksschule in St. Pölten. Gemeinsam mit den Kindern entwickelte die Künstlerin daraus eine neue Installation, das Buchstabentheater für das KinderKunstLabor für zeitgenössische Kunst. Andrea Maurers Werk, ein Pavillon, in dem Rot, Blau und Gelb mit einem Spionspiegel kombiniert schon von Weitem leuchten, steht nun seit September 2024 im Altoonapark. Der Park, nach Altoona in den USA benannt, der Eisenbahner- und Partnerstadt St. Pöltens, beherbergt neben Skulpturen wie CO:CO von Christine und Irene Hohenbüchler, aber auch ein Raubtier, einen Berglöwen[7], das Wahrzeichen dieser Städtepartnerschaft. Die Tierskulptur aus Sandstein ist für die Kinder der Landeshauptstadt ein fester Bestandteil des Altoonaparks rund um das KinderKunstLabor. Mit diesem ikonografischen Charakter des Berglöwens ergab sich daher auch sofort eine schlüssige Verbindung zu dem von der Künstlerin ausgewählten Text von Wittgenstein.

Dennoch war es ein weiter Weg von dem Text bis zu der Errichtung des zwei Meter hohen Buchstabentheaters in dem das KinderKunstLabor umgebenden Grün. Das Außengelände ist als Skulpturenpark konzipiert und somit integraler Bestandteil des Gesamtkonzepts des Ausstellungshauses – mit fließenden Übergängen zwischen innen und außen. Dafür entwickelte Andrea Maurer das Buchstabentheater[8] mit den Kindern der Mitgestaltungsgremien im KinderKunstLabor[9]. Die Kinder aus der Kunstideenwerkstatt und den Kinderbeiratsgruppen – wie die der Klasse 4B – konnten mit Andrea Maurer dekonstruieren, experimentieren und Neues schaffen. Sie folgten dabei keinen Vorschriften, sondern erfanden neue Spielregeln. „Dieses sinnliche, lustvolle Auseinandersetzen und das Dekonstruieren von Buchstaben und Sprache steht in starkem Kontrast dazu, wie Buchstaben klassisch, zum Beispiel häufig im Schulkontext, verwendet werden: nämlich geordnet und kontrolliert, richtig oder eben falsch“, analysiert Researcher in Residence Anahita Neghabat in ihrem Forschungsbeitrag zum KinderKunstLabor.[10]
Einige Kinder kreierten beispielsweise neue Wörter aus den einzelnen ca. 30 Zentimeter hohen Buchstaben, indem sie sich – jeweils mit einem Buchstaben ihrer Wahl zwischen beiden Händen vor dem Oberkörper – in verschiedenen Konstellationen nebeneinander aufstellten. Anschließend montierten sie mit Skalpell und Klebstoff aus den Ausdrucken eigene Buchstaben. Andrea Maurer hatte dazu einen beleuchteten, bühnenartigen Würfel mitgebracht, dessen Vorderseite sie mit einem Spionspiegel versehen hatte. So konnten die neu gebauten Buchstaben auf der Bühne auftreten.

Aus diesen künstlerischen Prozessen entwickelte Maurer ihre begehbare dreieckige Buchstabenskulptur. In ihrer Arbeit verbindet die Künstlerin die abstrakten Formen der Buchstaben mit einer körperlich-räumlichen Erfahrung. Sie lässt einen eigenen Kosmos aus Bedeutungen und Buchstaben in dem Pavillon entstehen und erfahrbar werden. Boden und Decke der Skulptur bestehen jeweils aus einem horizontalen großen „A“. Die Decke – ein „A“, dessen Außenkanten blau und Oberflächen rot gefärbt sind – schwebt mit einem Abstand von zwei Metern parallel über dem im Boden eingelassenen grauen „A“. Zwischen Decke und Boden spannt sich über eine der drei Seiten ein graues „J“, das auch als Sitzgelegenheit dienen kann, die zweite Seite ist mit einem gelben Rundstab gestützt. Ihm gegenüber verschmilzt das Innen mit dem Außen durch den halbtransparenten Spionspiegel, der von einem glänzend roten Rahmen gefasst ist. Der nach allen Seiten offene Pavillon bietet vielfältige Wahrnehmungs- und Interaktionsmöglichkeiten.

Andrea Maurer wurde mit ihrem Beitrag Buchstabentheater als einer von zwei Entwürfen unter Beteiligung und Mitbestimmung der mitgestaltenden Kinder der Kunstideenwerkstatt und des Kinderbeirates ausgewählt. Gemeinsam mit Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich ist es 2022 gelungen, einen mehrmonatigen, vielstimmigen und komplexen Auswahlprozess im Kunstfeld für Kinder durchzuführen. Das Buchstabentheater von Andrea Maurer überzeugte die Jury, in der auch sechs Kinder vertreten waren.

Mona Jas

[1] In dem neuen Ausstellungshaus für ein junges Publikum in St. Pölten wird internationale zeitgenössische Kunst präsentiert und in co-kreativen Prozessen gemeinsam mit Kinderbeiratsgruppen und Kindern der Kunstideenwerkstatt im Dialog mit den Kunstschaffenden entwickelt. Das Gebäude ist vom Wiener Architekturbüro Schenker Salvi Weber ZT GmbH entwickelt worden und wurde mit dem renommierten österreichischen Bauherr:innen-Preis 2024 ausgezeichnet. Darüber hinaus ist das KinderKunstLabor ein Modellprojekt für Qualifizierung und Forschung zur Kunstvermittlung in Bildungs- und Kulturinstitutionen.

[2] Andreas Hoffer, Kunstvermittler im KinderKunstLabor, hat die Zitate am 27. Jänner 2022 in der Kinderbeiratsgruppe der Otto-Glöckel-Volksschule aufgezeichnet. Der Kinderbeirat ist in verschiedenen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen situiert. Als maßgebliches Gremium zur Mitgestaltung im KinderKunstLabor umfasst der Kinderbeirat ganze Klassen und Kindergartengruppen. Die Ergebnisse der künstlerischen Arbeit fließen in Entscheidungsprozesse ein. Sie setzen damit als Spiegel und Resonanz der Kinderperspektiven und -meinungen entscheidende Impulse für die Entwicklung des Programms der neuen Institution.

[3] Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich, https://koernoe.at/de/aktuell/prasentation-der-aussenraumskulpturen-am-kinderkunstlabor [28.09.2024].

[4] Mona Jas, „Das KinderKunstLabor – ein ko-kreativer Ort mit Kindern und für Kinder und ihre Erwachsenen,“ in: Museumsbund Österreich (Hg.), neuesmuseum: Hands on! Zukunft Kindermuseen, 23-4 (2023), S. 24–27.

[5] Die Kunstideenwerkstatt ist neben dem Kinderbeirat ein zentrales Gremium zur Mitgestaltung im KinderKunstLabor. Sie steht allen offen. Die Mitwirkenden sind auf allen Ebenen in Konzeptions- und Entscheidungsprozesse eingebunden. Seit 2021 treffen sich 10 bis 15 Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 13 Jahren abseits von Schule und Hort mehrmals im Monat im KinderKunstLabor zu künstlerischen Workshops mit Kunst- und Kulturschaffenden, in den Bereichen Bildende Kunst, Design, Architektur und Kunstvermittlung Tätigen sowie mit Teammitgliedern.

[6] „Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.“ Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe Bd. 1, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, S. 568.

[7] Cahit Koccoban, 2003, „Berglöwe aus Pennsylvania (USA)“, nachgeformt einer Skulptur in der Pennsylvania State University.

[8] Siehe Anm. 3.

[9] Siehe Anm. 4.

[10] Anahita Neghabat, „Let the Material Lead!“, in: Mona Jas, Aron Weigl (Hg.), Können Institutionen (laufen) lernen? Forschende Ansätze im KinderKunstLabor, Passagen, Wien 2024, S. 29–61, hier S. 42.

Beiträge

Buchstabentheater

Andrea Maurer hat mit ihrem Buchstabentheater eine begehbare Skulptur in Form eines A`s realisiert, die nach allen Seiten hin offen ist und vielfältige Wahrnehmungs- und Interaktionsmöglichkeiten bietet. So birgt das Innenleben beispielsweise ein schmiegsames J als Stütze und Sitzgelegenheit oder einen halbdurchsichtigen Spionspiegel, der Außen und Innen verkehrt. Ob beobachtend, spielend oder tastend: Das Buchstabentheater lädt ein, um behaust und umrundet, begriffen und bespielt zu werden, nicht zuletzt, um zu erkunden, wie Sprache unsere Wahrnehmung formt. Es ist ein Buchstabenensemble, der keine Vorschriften macht.

CO:CO

Das zweite Projekt ist das organisch anmutende Objekt Co:Co von Christine und Irene Hohenbüchler. Der Name stammt von den Kindern der Kunstideenwerktatt. Basierend auf deren Zeichnungen und Wünschen entwarfen die Künstlerinnen eine höhlenartige Skulptur, die gleichzeitig wie ein tierhaftes Wesen erscheint. Sie bietet Einblicke und Ausblicke, ein Spiel mit Innen und Außen, Versteck und Schutz. Ergänzt wird diese von mehreren Metallobjekten, die in Form und Farbe einen Kontrast zum Betonobjekt und leuchtende Marker zwischen den Bäumen darstellen.  Die Zwillingsschwestern arbeiten in unterschiedlichen Medien und gestalten u. a. großformatige Rauminstallationen. In ihre Arbeiten fließen oft die Ergebnisse offener Gestaltungsprozesse und Partizipation ein.

Bilder (12)

Andrea Maurer, Buchstabentheater, KinderKunstLabor, 2024
© Simon Veres
Andrea Maurer, Buchstabentheater, KinderKunstLabor, 2024
© Simon Veres
Andrea Maurer, Buchstabentheater, KinderKunstLabor, 2024
© Simon Veres
Christine & Irene Hohenbüchler, Co:CO, St. Pölten, 2024
© Bildrecht, Wien 2024, Foto: eSeL
Christine & Irene Hohenbüchler, Co:CO, St. Pölten, 2024
© Bildrecht, Wien 2024, Foto: eSeL
Christine & Irene Hohenbüchler, Co:CO, St. Pölten, 2024
© Bildrecht, Wien 2024, Foto: eSeL
Außenraumskulpturen KinderKunstLabor, Eröffnung, 2024
© eSeL
Außenraumskulpturen KinderKunstLabor, Eröffnung, 2024
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Außenraumskulpturen KinderKunstLabor, Eröffnung, 2024
© Bildrecht, Wien 2024, Foto: eSeL
Außenraumskulpturen KinderKunstLabor, Eröffnung, 2024
© Bildrecht, Wien 2024, Foto: eSeL
Außenraumskulpturen KinderKunstLabor, Eröffnung, 2024
© Bildrecht, Wien 2024, Foto: eSeL
Andrea Maurer, Buchstabentheater KinderKunstLabor, St. Pölten, 2024
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